1. Wie ruhiges Wasser, vom Winde aufgepeitscht, sich in Wellen und Wogen wandelt, so sind die Gedanken des Königs über Saraha: Verschieden, wiewohl über einen und denselben.
2. Dem blinzelnden Narren erscheint eine Lampe als zwei; wo Betrachtetes und Betrachter nicht zweierlei -- ah, da arbeitet der Geist an beider Dinglichkeit.
3. Wiewohl im Hause die Lampen entzündet sind, leben die Blinden im Dunkeln. Wie umfassend und nah das Spontane auch ist -- dem Getäuschten erscheint es immer fern!
4. Viele Flüsse gibt es, doch sind sie eins im Meer, viele Lügen gibt es, doch eine Wahrheit besiegt sie alle. Wenn die Sonne erscheint, vergeht die Dunkelheit, wie tief sie auch sein mag.
5. Eine Wolke, die sich über dem Meer erhebt, nimmt den Regen auf, umfängt die Erde, doch bleibt das Meer gleich, ohne Abnehmen, ohne Zunehmen, wie der Himmel.
6. Aus dem Spontanen, das ohnegleichen ist, werden alle Wesen geboren, ausgestattet mit der Vollkommenheit Buddhas, und kommen darin zur Ruhe. Das ist weder konkret noch abstrakt.
7. Sie gehen auf anderen Pfaden und verfehlen die Glückseligkeit, suchen Freuden durch Hilfsmittel. Der Honig in ihrem Mund ist so nah, doch verschwindet, wenn sie ihn nicht sogleich trinken.
8. Tiere verstehen nicht, daß die Welt ein trauriger Ort ist. Anders der Weise, der den himmlischen Nektar genießt, während wilde Tiere nach Sinnesfreuden lechzen.
9. Die Fliege liebt den Gestank von verdorbenem Fleisch, der Duft von Sandelholz erscheint ihr faul. Wesen, die das Nirwana verwerfen, streben in niedere Bereiche von Samsara.
10. Wasser in des Ochsen Fußspur trocknet rasch; so ist es mit einem stabilen Geist: voll von Qualitäten, die noch nicht perfekt sind, doch die Unvollkommenheiten verschwinden mit der Zeit.
11. Wie salziges Meerwasser, das süß wird, wenn die Wolken es trinken, so ein stabiler Geist, der für andere wirkt: Die Gifte der Sinnesobjekte verwandelt er in Nektar.
12. Jenseits von Beschreibung ist man niemals unzufrieden, jenseits von Vorstellungen -- das muß Glückseligkeit sein. Ob du auch den Donnerschlag aus den Wolken fürchtest: Die Ernte wächst, wenn aus ihnen der Regen strömt.
13. Es ist am Anfang, in der Mitte, am Ende; jedoch sind Ende und Anfang nirgend anders. Alle, deren Geist von Konzepten verdunkelt ist, befinden sich in zweierlei Geist, und so diskutieren sie Leerheit und Mitgefühl als Zweierlei.
14. Bienen wissen vom Honig in den Blüten. Wie will der Getäuschte verstehen, daß Samsara und Nirwana nicht zweierlei ist?
15. Wenn der Getäuschte in einen Spiegel schaut, so sieht er ein Gesicht, nicht eine Spiegelung; so stützt der Geist, der die Wahrheit verneint, sich auf das Unwahre.
16. Den Duft einer Blume kann man nicht berühren, und doch durchdringt er alles und wird sofort verspürt. Durch ungetrübtes So-Sein erkenne die magischen Kreise.
17. Wird stilles Wasser von Eiswind berührt, nimmt es die Form und Härte des Felsens an. Wenn der Getäuschte von Konzepten verstört wird, verwandelt sich das Formlose in etwas Hartes und Festes.
18. Der makellose Geist kann von den Trübungen von Samsara oder Nirwana nicht befleckt werden. Ein kostbares Juwel, auch eines mit Strahlkraft, verborgen im Morast, kann nicht glänzen.
19. Wissen leuchtet nicht im Dunkeln, aber wenn die Dunkelheit erhellt wird, vergeht das Leid sofort. Sprosse wachsen aus Samen, und Blätter aus den Sprossen.
20. Wer vom Geist in Begriffen von "einem" oder "vielen" denkt, wirft das Licht fort und tritt in die Welt ein. Mit offenen Augen geht er in ein rasendes Feuer -- wer könnte mehr Mitgefühl verdienen?
21. Nach den Freuden der Küsse streben Verblendete, preisen sie als unübertroffen wirklich -- wie einer, der aus dem Haus tritt und an der Tür stehend verlangt, man beschreibe ihm die Sinneseindrücke.
22. Lebenskräfte aufzuwühlen im Haus der Leerheit hat künstliche Vergnügungen aufkommen lassen. Solche Yogis werden ohnmächtig vor Kummer, denn sie fallen von himmlischen Bereichen schimpflich ins Laster.
23. Ein Brahmane, der aus Reis und Butter ein Brandopfer in hellen Flammen macht, bereitet ein Gefäß für himmlischen Nektar. Aus Wunschdenken hält er das für das Allerhöchste.
24. Manche Leute haben die innere Hitze kultiviert und heben sie an die Fontanelle, reiben die Zunge am Gaumenzäpfchen in Verzückung und verwechseln Fesselung und Befreiung; aus Stolz nennen sie sich Yogis.
25. Was sie innerlich erfahren, lehren sie als höhere Bewußtheit. Was sie fesselt, nennen sie Befreiung. Ein grüner Glasscherben ist für sie ein kostbarer Smaragd; getäuscht, wissen sie einen Edelstein nicht vom unechten zu unterscheiden.
26. Sie nehmen Kupfer für Gold. Von diskursiven Gedanken gebunden, halten sie diese für absolute Wirklichkeit. Sie streben nach Freuden, die man im Traum erfährt. Das vergängliche Körperbewußtsein nennen sie höchste ewige Glückseligkeit.
27. Durch das Symbol EVAM glauben sie, sei die Klarheit des Selbst erreicht, durch die verschiedenen Haltungen, die Vier Siegel erfordern. Sie nennen das, was sie erstreben, das Spontane, aber das heißt nur, eine Spiegelung zu betrachten.
28. So wie unter der Macht einer Täuschung eine Herde von Hirschen nach dem Wasser rennt, das doch eine Fata Morgana ist, so stillen auch die Verblendeten nicht ihren Durst, sondern liegen in Ketten, an denen sie Gefallen finden und die sie für die letztendliche Wahrheit halten.
29. Ohne Erinnerung sein ist konventionelle Wahrheit, und Geist, der zu Nicht-Geist wurde, ist absolute Wahrheit. Dies ist Erfüllung, höchstes Gut. Freuden dieses Höchsten werden bewußt.
30. In Nicht-Erinnerung wird der Geist verschmolzen; nur dies ist perfekt und rein. Es ist ungetrübt vom weltlichen Gut oder Schlecht wie ein Lotus, unberührt von dem Schlamm, in dem er wächst.
31. Mit dieser Sicherheit muß alles als magisches Spiel betrachtet werden. Wenn du ohne Unterschied Samsara und Nirwana annehmen und verwerfen kannst, ist dein Geist standfest, frei von der Hülle der Dunkelheit. In dir ist So-heit, jenseits von Gedanken und selbstentsprungen.
32. Diese Welt der Erscheinungen hat von ihrem strahlenden Ursprung an niemals zu sein begonnen. Ungeformt, hat sie Form aufgegeben. Als solche ist sie fortwährende einspitzige Meditation. Sie ist Nicht-Meditation, makellose Kontemplation, Nicht-Geist.
33. Geist, Verstand und formhafte Inhalte des Geistes sind ES, und das sind die Welt und alles, was sich davon zu unterscheiden scheint, alle Sinnesobjekte und der Wahrnehmende, auch Stumpfheit, Abneigung, Verlangen und Erleuchtung.
34. Wie eine Lampe, die im Dunkel leuchtet, beseitigt sie das Dunkel der Unwissenheit, so weit die Bruchstücke des Verstandes reichen. Wer kann sich die So-heit der Wunschlosigkeit vorstellen?
35. Nichts ist zurückzuweisen, nichts zu bestätigen oder zu ergreifen; denn es kann nicht erfaßt werden. Die Bruchstücke des Verstandes fesseln den Verblendeten; ungeteilt und rein verweilt das Spontane.
36. Befragst du das Letzgültige mit den Festsetzungen von vielen oder einem: Einheit ist nicht gegeben, denn im Überschreiten des Wissens werden die Wesen befreit. Das Strahlen liegt verborgen im Verstand und zeigt sich in der Meditation; nicht einteilender Geist ist die wahre Essenz.
37. Im Bereich, der voller wahrer Freude ist, wird der sehende Geist reich und so durch dies und jenes äußerst nützlich; selbst, wenn er nun Objekten nachgeht, entfremdet er sich nicht von sich.
38. Die Knospen von Freude und Vergnügen und die Blätter des Ausstrahlens wachsen an. Wenn nichts von irgendwo hervorgeht, wird unsagbare Glückseligkeit als Frucht reifen.
39. Was getan ist und wo und was es werden wird, das ist nichts; dennoch nützt es hier und dort. Leidenschaftlich oder nicht: Die Form ist nicht-dinglich.
40. Wenn ich wie ein Schwein bin, das im Kot der Welt suhlt, dann sage mir, welcher Fehler liegt in einem unbefleckten Geist? Wie kann dich fesseln, was dich nicht berührt?
Ohne jegliche Kenntnis des Urtextes in sehr unvollkommener Weise aus dem Englischen übersetzt von Eva-Maria v. Nerling am 27.5.1996, dem 10.4. im Feuer-Maus-Jahr.